Einführung

Der Eindruck, dass einige Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit für Marketingzwecke missbrauchen, hat in letzter Zeit in den Medien viel Aufmerksamkeit erregt. Während die Kapitalmärkte das mächtigste Mittel sein könnten, um nachhaltige Investitionen zu fördern und, nach Ansicht einiger, sogar um den Klimawandel einzudämmen, sind sie auch nicht immun gegen Greenwashing. Nichtsdestotrotz lässt sich allgemein ein positiver Trend hin zu grünen Finanzprodukten beobachten. Allein im Jahr 2018 wurden grüne Anleihen im Wert von 168,5 Milliarden US-Dollar ausgegeben. Im Jahr 2019 waren es bis Anfang August Anleihen im Wert von 142 Milliarden US-Dollar und Prognosen zufolge ist bis Ende des Jahres mit einem Gesamtwert von bis zu 250 Milliarden US-Dollar zu rechnen. Es gibt zudem eine Reihe von Green-Finance-Initiativen von verschiedenen Finanzinstituten. So hat die Deutsche Bundesbank beispielsweise das “Network for Greening the Financial System” mitbegründet. Die Deutsche Börse ist Teil eines Hubs für nachhaltige Finanzierungen und es gibt eine wachsende Zahl von “grünen Banken”, die ökologische und ethische Aspekte bei ihren Investitionen berücksichtigen.

Aber bringt diese beeindruckende Entwicklung auch echte Veränderungen für die Umwelt mit sich? Wie vertrauenswürdig sind diese Produkte? Leider existiert eine Reihe struktureller Probleme, die zur Folge haben, dass Investoren im Umgang mit „grünen“ Finanzprodukten zur Vorsicht gemahnt sein sollten. Ein „grünes“ Rating als alleiniges Entscheidungskriterium lässt oftmals keine valide Bewertung hinsichtlich eines ökologischen, nachhaltigen Investments zu.

Normen und Vorschriften

Ein Hauptproblem grüner Finanzprodukte ist, dass es keinen konsolidierten Gesamtstandard gibt, obwohl für eine valide Bewertung grüner Finanzinstrumente ein allgemeiner Standard erforderlich ist. Die EU führt in ihrem „Proposal for an EU Green Bond standard“ an, dass ihr Ziel darin besteht, die Effektivität, Transparenz, Vergleichbarkeit und Glaubwürdigkeit des Marktes für grüne Anleihen zu verbessern und Marktteilnehmer zu ermutigen, Grüne EU Anleihen auszugeben und in diese zu investieren. Dies ist im Allgemeinen ein vielversprechender Versuch für einen grünen Marktstandard. Der europäische Think Tank Bruegel [1] rät der Kommission allerdings zu Vorsicht bei der Einführung einer einzigen Taxonomie, um der Komplexität und Dynamik der Branche gerecht zu werden. Das bedeutet, dass darüber diskutiert werden muss, wie verbindlich grüne Vorschriften sein sollten, um den Konflikt zwischen Schlupflöchern im System und Beschränkungen für grüne Investitionen zu lösen. Weiterhin muss entschieden werden, welchen Institutionen die Befugnis erteilt werden sollte, einen gemeinsam vereinbarten Standard zu definieren, welche technologischen Lösungen diesem Zweck dienen sollen und wie private Investoren aktiv dazu beitragen können.

Vorurteile der Analysten

Abgesehen von diesen Fragen gibt es ein weiteres strukturelles Problem bei der Bewertung verschiedener Unternehmen und Produkte als „grün“. Leider ist es nicht möglich, einfach nur ausgewählte, öffentlich zugängliche Kennzahlen zu betrachten, da Unternehmen in der Regel nicht alle Informationen über ihren ökologischen Fußabdruck, ihre Lieferkette, usw. veröffentlichen. Daher werden oft Experten/Analysten beauftragt, die Ökologie von Finanzprodukten oder Unternehmen zu analysieren.

Wissenschaftler haben jedoch die Gültigkeit der Analystenbewertungen untersucht und es gibt eine Reihe von Implikationen, die an der Annahme Zweifel aufkommen lassen, dass Experten immer Recht haben. So hat sich beispielsweise gezeigt, dass Analystenprognosen deutlich optimistischer werden, je komplizierter es wird, diese Finanzprodukte zu bewerten. Dies führte die Forscher zu dem Schluss, dass „Analystenverzerrungen und Optimismus mit Unsicherheit zunehmen“ (vgl. Grinblatt, Jostova, Philipov, 2016). Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass Analysten die laufenden Veränderungen im Handeln eines Unternehmens nicht angemessen berücksichtigen – sie konzentrieren sich eher auf Verbesserungen in der sozialen Verantwortung von Firmen und ignorieren Versäumnisse (vgl. Branzej, 2016).

Es gibt auch eine Reihe von psychologischen Mechanismen, die es Menschen im Allgemeinen schwer machen, objektive Urteile zu fällen. Um nur einige zu nennen: Menschen neigen dazu, sich stark auf die ersten Informationen zu verlassen, denen sie begegnen (Verankerungseffekt), so dass ein markantes, grünes Unternehmensimage, unabhängig von seinen Vorzügen, die Beurteilung der Analysten stark verzerren kann. Ebenso neigen wir dazu, unsere Einschätzungen in Bezug auf aktuelle Informationen (Verfügbarkeitsheuristik) stark abzuwägen, weshalb die jüngste grüne Initiative eines Unternehmens Analysten dazu veranlassen könnte, den Skandal des letzten Jahres zu “vergessen” (oder zumindest als weniger ernst zu betrachten). Solche Mechanismen wirken sich auf die Urteile und Entscheidungen aller Beteiligten aus.

Transparent und unvoreingenommen

Alle oben genannten Themen lassen sich unter dem größeren Problem der mangelnden Transparenz und der Verzerrung zusammenfassen. Grüne Finanzprodukte werden in der Regel von Ratingagenturen und externen Dienstleistern gründlich überprüft, bevor sie auf dem Markt gehandelt werden können. Impact-Investoren streben nach einem zuverlässigen, vertrauenswürdigen und fairen Rating grüner Finanzprodukte. In der Realität ist es eine schwierige Aufgabe, die Kriterien zu überblicken, die für eine positive Bewertung der Produkte von Unternehmen entscheidend sind. Selbst für den Fall, dass ein öffentlicher, zuverlässiger, weltweit akzeptierter Standard zur Bewertung grüner Produkte eingeführt werden sollte, veröffentlichen die meisten dieser Agenturen selten die Berechnungen und Beobachtungen, die sie zu einem bestimmten Rating führen. Und selbst wenn dies der Fall ist, werden Entscheidungen in den meisten Fällen von einem Ausschuss aus Mitgliedern getroffen, die freiwillig oder unfreiwillig Teil einer Interessengruppe sind und daher anfällig für voreingenommene Entscheidungen sind. Nach Ansicht der Weltbank wird Transparenz jedoch für das kontinuierliche Wachstum des Marktes für grüne Anleihen unerlässlich sein. “Grüne Anleihen befinden sich noch in der Anfangsphase und ein Großteil der zukünftigen Entwicklung wird auf Glaubwürdigkeit und Standards basieren, die von Unternehmensemittenten festgelegt und eingehalten werden”, so Michael Wilkins, Analyst für S&P-Infrastrukturfinanzierung, der einmal mehr die Relevanz transparenter Ratings und Mechanismen aufzeigt.

Der Ansatz von Consileon

Die heutigen Probleme erfordern moderne Denkweisen. Deswegen arbeiten wir bei Consileon auf einen Perspektivenwechsel hin. Unsere Experten identifizieren vielversprechende Informationsquellen sowie neue Wege zur Analyse und Kombination dieser Informationen. Modernste technologische Fortschritte wie Data Mining, maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz können (und sollten) genutzt werden, um traditionelle Ansätze zu ergänzen: Bewertungen der öffentlichen Meinung können verwendet werden, um Echtzeit-Einblicke in relevante aktuelle Ereignisse zu gewinnen, die Verarbeitung natürlicher Sprache kann verwendet werden, um Reden auf C-Ebene oder Investorenmeetings zu analysieren, und künstliche Intelligenz kann trainiert werden, um Diskrepanzen zwischen der öffentlichen Kommunikation eines Unternehmens und seinem tatsächlichen Verhalten zu erkennen. Darüber hinaus kann die Entwicklung von Tools für Analysten Verzerrungen bei der Entscheidungsfindung verringern (z.B. durch das Auffinden von Informationen, die potenzielle, vorgefasste Vorstellungen am ehesten in Frage stellen).

Eine zuverlässige Klassifizierung von grünen Finanzprodukten ist dringend erforderlich, um sicherzustellen, dass die ausgegebenen grünen Produkte tatsächlich zum Umweltschutz beitragen. Geleitet von dieser Vision, finanziellen Gewinn und ökologischen Wert in Einklang zu bringen, erweitern wir unser grünes Finanzwissen, um unseren Kunden stabile Lösungen zu liefern. Mit mehr als fünfzehn Jahren Erfahrung in Finanzmärkten sind wir stets bestrebt, zusammen mit unseren Kunden an Zukunftsfragen zu arbeiten. Haben Sie Fragen oder benötigen Sie einen kompetenten Partner, der Ihre grünen Kompetenzen vorantreibt? Sind Sie an unserem innovativen Ansatz interessiert? Dann kontaktieren Sie uns oder besuchen Sie unsere Website: https://www.consileon.de/branchen/kapitalmaerkte/


[1] Brussels European and Global Economic Laboratory; Mitglieder beinhalten eine Vielzahl europäischer Staaten, Banken und Unternehmen.