Ein Interview mit Andreas Grau, Cybersecurity Experte bei Consileon

Cyberangriffe nehmen steig zu und stellen für Unternehmen aller Branchen eine Bedrohung dar. Im Gespräch erklärt Cybersecurity-Experte Andreas Grau, wie Unternehmen sich systematisch schützen können.

Herr Grau, viele verbinden ein Cybersecurity Assessment mit einem klassischen Audit. Was ist für Sie der Unterschied?

Ein Audit prüft, ob bestimmte Vorgaben erfüllt sind – meist rückblickend und auf formaler Ebene. Ein Cybersecurity Assessment ist individuell auf die aktuelle Situation und die Herausforderung eines Unternehmens zugeschnitten. Wir betrachten Technik, Organisation und Menschen als zusammenhängendes System. Ziel ist nicht, ein Häkchen zu setzen, sondern zu verstehen, wo reale Risiken liegen und wie sie sich reduzieren lassen.

Sie arbeiten mit einem modularen Ansatz. Wie funktioniert das und wie wählen Unternehmen die passenden Module aus?

Viele Unternehmen haben ganz unterschiedliche Ausgangslagen. Ein Konzern mit globaler IT benötigt andere Schwerpunkte als ein mittelständisches Fertigungsunternehmen. Deshalb haben wir das Assessment modular aufgebaut – von Governance und Risiko-Management über technische Sicherheit bis hin zu Awareness oder Notfallmanagement. In einem Vorgespräch legen wir gemeinsam mit Kunden den Scope fest: Welche Bereiche sind kritisch, wo gibt es bereits Strukturen, wo besteht Unsicherheit? Auf dieser Basis kombinieren wir die passenden Module, damit das Ergebnis aussagekräftig, aber auch effizient ist. Nicht jedes Projekt muss von Anfang an groß aufgesetzt sein. Häufig ist es deutlich sinnvoller, mit einem überschaubaren Scope zu beginnen, erste Erfolge schnell sichtbar zu machen und darauf aufbauend weitere Module sukzessive zu ergänzen.

Was macht für Sie eine gute Gap-Analyse aus und wie wird daraus ein praxisnaher Fahrplan?

Eine Gap-Analyse sollte immer zwei Dinge leisten: Erstens Transparenz schaffen – also zeigen, wo Sicherheitsmaßnahmen fehlen oder nicht greifen. Zweitens Prioritäten setzen. Wir bewerten nicht nur, was fehlt, sondern auch, wie relevant es für das Unternehmen ist. Daraus entsteht ein Fahrplan, der kurzfristige Quick Wins, mittelfristige Projekte und langfristige strategische Themen unterscheidet. So wird aus der Analyse ein realistischer Handlungsplan, statt einer überfordernden To-do-Liste.

Wo sollten Unternehmen anfangen, wenn Ressourcen begrenzt sind?

Der erste Schritt ist immer, die größten Risiken zu identifizieren. Nicht jede Maßnahme ist gleich wichtig. Wir empfehlen, sich auf die Systeme und Prozesse zu konzentrieren, die für den Geschäftsbetrieb kritisch sind. Wenn diese geschützt sind, entsteht automatisch Stabilität. Außerdem hilft es, mit kleinen, klar abgegrenzten Projekten zu starten, um Tempo und Vertrauen im Unternehmen aufzubauen.

Viele Fachbereiche außerhalb der IT haben eigene Perspektiven und Risiken. Wie fließen diese in Ihr Assessment ein?

Wir betrachten Cybersecurity als Querschnittsthema. Fachbereiche sind häufig näher an den Prozessen und können sehr genau einschätzen, wo Risiken entstehen – etwa durch Abläufe, Lieferanten- oder Kundenschnittstellen. In unseren Assessments holen wir diese Perspektiven gezielt ab, etwa über Workshops oder strukturierte Interviews. Das führt oft zu einem realistischeren Bild, als es rein technische Analysen liefern könnten. Vor allem an Übergängen zwischen Fachbereichen werden Schwachstellen sichtbar, die sonst übersehen würden.

Cybersecurity ist mehr als Technik. Wie gelingt es, Prozesse und Menschen sinnvoll einzubeziehen?

Technische Maßnahmen sind das Fundament, aber sie wirken nur, wenn die Menschen sie verstehen und mittragen. Deshalb setzen wir stark auf Sensibilisierung und klare Zuständigkeiten. Das beginnt bei Führungskräften, die Sicherheitsregeln vorleben, und reicht bis zu einfachen Leitlinien im Alltag. Entscheidend ist, dass Mitarbeiter wissen, warum Sicherheit wichtig ist – nicht, weil es „muss“, sondern weil sie selbst Teil davon sind. So entsteht ein Bewusstsein, das langfristig trägt.

Viele Unternehmen müssen NIS-2 oder ISO 27001 erfüllen. Wie hilft ein Assessment, solche Vorgaben praxisnah umzusetzen?

Ein Assessment ist die Grundlage für jede Form von Compliance. Es zeigt, wo ein Unternehmen bereits gut aufgestellt ist und wo Nachbesserungsbedarf besteht. Dabei geht es nicht darum, Paragraphen zu zitieren, sondern die Anforderungen auf den eigenen Betrieb herunterzubrechen. Gerade bei NIS-2 geht es stark um Angemessenheit – also darum, Maßnahmen in Relation zu Risiko und Unternehmensgröße zu setzen. Ein Assessment hilft, diesen Nachweis fundiert zu führen.

Welche Mehrwerte ergeben sich über die reine Sicherheit hinaus?

Ein gutes Sicherheitsniveau schafft Vertrauen – intern wie extern. Kunden, Partner und Aufsichtsbehörden erwarten heute, dass Unternehmen verantwortungsvoll mit Daten und Systemen umgehen. Darüber hinaus fördert Cybersecurity Effizienz: Wenn Prozesse sauber dokumentiert und Risiken klar verteilt sind, funktioniert Zusammenarbeit besser. Oft entstehen aus Sicherheitsprojekten auch ganz neue Ideen für Prozessoptimierung oder Digitalisierung.

Welche typischen Fehler sehen Sie in Projekten und wie lassen sie sich vermeiden?

Ein häufiger Fehler ist, Sicherheit als reines IT-Projekt zu sehen. Das führt dazu, dass Maßnahmen isoliert umgesetzt werden und später an organisatorischen Hürden scheitern. Ein anderer Punkt ist fehlende Priorisierung – alles gleichzeitig zu wollen, funktioniert nicht. Und schließlich wird der Faktor Mensch oft unterschätzt: Viele Vorfälle entstehen durch Unwissen, nicht durch böswillige Absicht. Frühzeitige Einbindung und Kommunikation helfen enorm.

Wohin entwickelt sich das Thema? Werden Assessments künftig stärker automatisiert, oder bleibt der persönliche Blick entscheidend?

Automatisierung wird sicher zunehmen – etwa bei der Auswertung technischer Daten oder bei kontinuierlichem Monitoring. Aber der persönliche Blick bleibt entscheidend, vor allem wenn es um Kontext geht. Kein Tool kann die Kultur eines Unternehmens oder seine Risikotoleranz wirklich erfassen. Die Zukunft liegt wahrscheinlich in einer Kombination: automatisierte Analysen für Geschwindigkeit und menschliche Erfahrung für die richtige Einordnung.

Wie Unternehmen NIS-2 erfolgreich umsetzen

Cybersecurity rückt mit der NIS-2-Richtlinie stärker denn je in den Fokus von Geschäftsführung und Management. Im Gespräch gibt Andreas Grau Einblicke, welche Herausforderungen und Chancen sich daraus für Unternehmen ergeben und wie eine strukturierte Umsetzung gelingen kann.

Herr Grau, Cybersecurity war lange ein Thema der Technikabteilungen. Warum ist sie heute Chefsache?

Cyberangriffe betreffen heute ganze Geschäftsmodelle und die Risiken sind nicht mehr rein technisch, sie gefährden zum Beispiel auch Lieferketten. Gleichzeitig verlangen EU-Richtlinien wie NIS-2 oder die deutsche Gesetzgebung mit dem IT-Sicherheitsgesetz 2.0 klare Verantwortlichkeiten auf Managementebene. IT-Sicherheit ist damit kein IT-Projekt mehr, sondern Teil der Unternehmenssteuerung. Wer Cybersecurity heute noch als rein technisches Thema behandelt, übersieht ihren strategischen Kern.

Für alle, die sich noch nicht intensiv damit befasst haben: Was ist NIS-2 eigentlich und was ändert sich gegenüber der alten Richtlinie?

NIS-2 ist die überarbeitete EU-Richtlinie zur Netz- und Informationssicherheit. Sie erweitert den Geltungsbereich und die Anforderungen deutlich. Viele mittelständische Unternehmen, die bislang nicht betroffen waren, fallen nun unter die neuen Regeln. Ziel ist es, die Cyberresilienz in Europa zu stärken, damit Organisationen Angriffe abwehren und Vorfälle bewältigen können. Neu ist auch der Fokus auf Managementverantwortung, Meldepflichten sowie die Bewertung von Risiken entlang der Lieferkette. Die Meldepflichten sind kein bürokratisches Vehikel, sondern die Grundvoraussetzung für eine staatenübergreifende Abwehr im Falle von beispielsweise großflächigen, politisch motivierten Angriffen auf die Infrastruktur mehrerer EU-Mitgliedstaaten.

Was sind die größten Hürden, die Unternehmen aktuell bei der Umsetzung von NIS-2 sehen?

Die größte Hürde ist oft Orientierung. Viele wissen nicht genau, ob sie betroffen sind oder wie tiefgreifend die Anforderungen tatsächlich sind. Unternehmen müssen ihre Betroffenheit selbst prüfen. Hierzu empfehlen wir, sich Unterstützung zu holen, insbesondere wenn es um die genaue Einordnung der Kritikalität der Einrichtung geht. Dazu kommt: In vielen Unternehmen ist IT-Sicherheit historisch gewachsen – also fragmentiert, mit parallelen Systemen und unklaren Zuständigkeiten. NIS-2 zwingt dazu, das Thema strukturell zu verankern und abteilungsübergreifend zu denken. Das ist kein einfacher, aber ein notwendiger Schritt.

Kritiker sehen NIS-2 vor allem als Pflichtübung. Welche Chancen ergeben sich aus Ihrer Sicht für Unternehmen?

Wenn man NIS-2 nur als Regulierung sieht, wirkt sie lästig. Wer sie jedoch als Rahmen für die Sicherheit sowohl des eigenen Unternehmens als auch der Gesellschaft versteht, kann echten Mehrwert schaffen. Unternehmen, die ihre Sicherheitsprozesse systematisch aufbauen, werden resilienter und schneller handlungsfähig – auch jenseits von Cyberthemen. Viele nutzen die Umsetzung als Anlass, ihre IT-Landschaft zu modernisieren, Zuständigkeiten zu klären und Risiken erstmals ganzheitlich zu bewerten. Das schafft Transparenz und Vertrauen – intern wie extern.

Wo sollten Unternehmen anfangen, wenn sie sich jetzt auf den Weg machen wollen?

Zuerst gilt es zu klären, ob und in welchem Umfang man von NIS-2 betroffen ist. Danach sollte eine Bestandsaufnahme erfolgen: Welche Systeme, Prozesse und Lieferanten sind kritisch? Auf dieser Grundlage kann priorisiert werden. Wichtig ist, klein anzufangen, aber konsequent zu bleiben: lieber bei allen Maßnahmen das Nötigste sauber umsetzen als nur einen Teil der Maßnahmen anzugehen. Ganz wichtig ist es, frühzeitig Verantwortung festzulegen, sonst bleibt das Thema in der Luft hängen. Um einen schnellen Einstieg zu ermöglichen, haben wir einen pragmatischen 2-Tages-Workshop entwickelt, der das notwendige Wissen aus Recht und IT an alle Beteiligten vermittelt und gleichzeitig eine Standortbestimmung mit Handlungsoptionen liefert.

Wo sehen Sie typische Fehler in Projekten und wie lassen sich diese vermeiden?

Der häufigste Fehler ist, NIS-2 als reines IT-Projekt zu behandeln. Das führt zwangsläufig zu blinden Flecken. Ein anderer ist das Verständnis, man müsse in allen Punkten direkt Perfektion erreichen, um compliant zu sein. Sicherheit ist keine einmalige Maßnahme, sondern ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess. Wer mit realistischen Zielen startet und regelmäßig überprüft, kommt langfristig weiter. Und schließlich: Kommunikation. Viele Projekte scheitern nicht an Technik, sondern daran, dass niemand außerhalb der IT versteht, warum das Ganze wichtig ist.

Die Vernetzung nimmt weiter zu und mit ihr die Angriffsfläche. KI wird vieles verändern, sowohl auf Seiten der Angreifer als auch der Verteidiger. Aber der wichtigste Trend ist vielleicht ein kultureller: Sicherheit wird zunehmend Teil der Unternehmens-DNA. Früher war sie etwas, an das man „mitgedacht“ hat. Heute wird sie zum Qualitätsmerkmal, zum Ausdruck von Professionalität und Verantwortungsbewusstsein.

Und ganz persönlich: Was motiviert Sie, sich mit so komplexen Themen wie NIS-2 auseinanderzusetzen?

Mich reizt die Schnittstelle zwischen Technik, Organisation und Mensch. NIS-2 zwingt Unternehmen dazu, diese Bereiche miteinander zu verbinden. Es ging mir bei meiner Arbeit immer schon darum, Sicherheit greifbar und handhabbar zu machen. Wenn man sieht, wie ein Unternehmen durch eine Bewusstseinsveränderung und klare Prozesse sicherer wird, merkt man, dass sich der Aufwand lohnt. Am Ende geht es nicht um Paragrafen, sondern um Vertrauen – in Systeme, in Menschen, in die eigene Handlungsfähigkeit.

Karlsruhe, 25.02.2025 – Seit zwei Jahrhunderten steht das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) für wissenschaftliche Exzellenz, technologische Innovation und eine herausragende Ausbildung. Als Unternehmen mit Wurzeln in Karlsruhe und einer engen Verbindung zum KIT gratuliert Consileon herzlich zu diesem besonderen Jubiläum.

Als eine der führenden akademischen Institutionen bereitet das KIT junge Talente auf verantwortungsvolle Positionen in Gesellschaft, Industrie und Wissenschaft vor – stets mit einem klaren Fokus auf gesellschaftlichen Nutzen und wirtschaftlichen Wohlstand. Neben diesem Leitbild teilt die Consileon Business Consultancy GmbH nicht nur ihre Karlsruher Wurzeln, sondern eine lange gemeinsame Geschichte mit dem KIT. Die beiden Gründer des Beratungsunternehmens aus Karlsruhe gratulieren persönlich:

„Das KIT bietet jungen Menschen ein sehr gutes Grundgerüst, um sich mit Problemstellungen aller Art im späteren Berufsleben auseinanderzusetzen. Die analytischen Fähigkeiten und Problemlösungskompetenzen der AbsolventInnen sind die Früchte der langjährigen Erfolgsgeschichte. Dazu gratulieren wir!“, betont Dr. Joachim Schü, Gründer und Geschäftsführer von Consileon.

Dr. Jörg Schlösser, Mitgründer und Mitglied der Geschäftsleitung von Consileon, ergänzt: „Das KIT ist eine Schmiede für exzellentes Grundlagenverständnis und herausragende Analytik. Wir treffen häufig auf leistungsstarke und kompetente Personen, sei es im Rahmen des Recruitings oder bei Kunden, die am KIT ausgebildet wurden. Wir gratulieren dem KIT zur kontinuierlichen Setzung von Maßstäben in der qualitativen Ausbildung.“

Langjährige Verbindung zwischen Consileon und dem KIT

Die Verbindung Consileons zum KIT reicht weit zurück. Die beiden Consileon-Gründer Dr. Joachim Schü und Dr. Jörg Schlösser studierten und promovierten in den 1990er Jahren selbst am KIT. Im Zuge ihres Informatikstudiums lernten sie sich kennen und entwickelten ein ähnliches Mindset, das bis heute die Basis ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit bildet. Joachim Schü war am KIT im Bereich Datenmanagement und Datenanalyse – dem heutigen Machine Learning – tätig und Teil des Universitäts-Wasserballteams. Jörg Schlösser forschte zu den Themen Data Mining und Datenbanksysteme und spielte in der Informatiker-Fußballmannschaft.

Nach der Promotion trennten sich ihre Wege aufgrund der zeitversetzten Abschlüsse kurzzeitig, fanden jedoch für eine gemeinsame Tätigkeit bei einer IT-Beratung schnell wieder zusammen, bis sie im Jahr 2001 die Consileon Business Consultancy GmbH in Karlsruhe gründeten.

Erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem KIT

Auch heute noch besteht eine enge Kooperation zwischen Consileon und dem KIT. Seit mehr als zehn Jahren engagiert sich Consileon am KIT in Form von Fachvorträgen, als Teil von Karriereveranstaltungen und durch die Zusammenarbeit mit studentischen Unternehmensberatungen. Darüber hinaus stellt das Karlsruher Beratungshaus regelmäßig qualifizierte AbsolventInnen des KIT ein.

Ein weiterer Meilenstein in dieser Zusammenarbeit wird im April 2025 erreicht: Consileon wird eine Partnerschaft mit der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften eingehen. Diese Kooperation stärkt den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis und bietet Studierenden wertvolle Einblicke in die Beratungsbranche.

„BewerberInnen des KIT tragen ein besonderes Qualitätssiegel, das für uns von sehr großem Wert ist“, so Dr. Joachim Schü. „Wir freuen uns darauf, die Zusammenarbeit mit dem KIT weiter auszubauen und gemeinsam Innovationen voranzutreiben.“

Weitere Informationen rund um das Jubiläum finden Sie unter: 200jahre.kit.edu

Quelle des Logos: KIT