Wie Agilität im Hardwareumfeld beim Sprung in synchronisierte Entwicklungsprozesse unterstützt

Ein Interview mit Dr. Rebekka Schlichte, SAFe®-Trainerin und Beraterin für agile Transformationen bei Consileon.

Wer heute ein Steuergerät, eine Fahrzeugplattform oder eine Produktionsmaschine entwickelt, arbeitet in Wirklichkeit an zwei Produkten gleichzeitig, einem physischen und einem softwarebasierten. Der Softwareanteil an den Entwicklungskosten liegt bei modernen Steuergeräten und mechatronischen Systemen mittlerweile mehr als 50 Prozent, doch die Planungslogik in vielen Entwicklungsorganisationen stammt noch aus einer Zeit, in der Hardware und Software getrennt entwickelt wurden. 

Diese Lücke lässt sich nicht einfach mit Methoden aus der IT schließen. Ein Steuergerät durchläuft Werkzeugbau, Musterbau und Freigabeprüfungen nach Normen wie ISO 26262 oder Automotive SPICE, lange bevor es in Serie geht, während parallel entwickelte Software in deutlich kürzeren Zyklen aktualisiert wird. Genau an dieser Schnittstelle setzt das Skalierungsframework SAFe® für Hardware an. Es übersetzt agile Prinzipien so, dass sie zu den tatsächlichen Entwicklungszyklen, Lieferketten und regulatorischen Anforderungen physischer Produkte passen, statt sie unverändert zu kopieren. 

Dr. Rebekka Schlichte kennt diese Übersetzungsarbeit aus zahlreichen Trainings und Beratungsprojekten. Als SAFe®-Trainerin und Beraterin bei Consileon begleitet sie Entwicklungsleiter, Systemingenieure und technische Führungskräfte aus der Automobilindustrie, von Zulieferern sowie aus dem Maschinen- und Anlagenbau dabei, ihre Entwicklungsprozesse über Mechanik, Elektronik und eingebettete Software hinweg neu aufzustellen. Im Interview erklärt sie, warum klassische agile Trainings hier zu kurz greifen, welche Fehler Unternehmen häufig machen und wie das SAFe® for Hardware Training der Consileon Academy Teams konkret weiterbringt.

Frau Dr. Schlichte, warum wird das Thema Agilität in der Hardwareentwicklung gerade jetzt so drängend?

Agilität in der Hardwareentwicklung ist jetzt so drängend, weil sich alles beschleunigt. Der Softwareanteil ist enorm gestiegen, Kunden erwarten Updates in schnellen Zyklen, während die Hardwareentwicklung weiterhin längere Entwicklungs- und Absicherungsphasen durchläuft. Gleichzeitig drängen softwaregetriebene Wettbewerber mit viel kürzeren Innovationszyklen auf den Markt. Viele dieser Unternehmen starten mit weniger historisch gewachsenen Prozessen und können deshalb Veränderungen schneller umsetzen. Hinzu kommt, dass KI die Produktentwicklung zusätzlich beschleunigt. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, neue KI-gestützte Möglichkeiten sinnvoll in bestehende Entwicklungsprozesse zu integrieren, ohne dabei Qualitäts- und Compliance-Anforderungen zu vernachlässigen. 

Wer heute Hardware- und Softwareentwicklung nicht synchronisiert, verliert an Geschwindigkeit und damit langfristig auch an Wettbewerbsfähigkeit. Qualitäts- und Compliance-Anforderungen wie ISO-Normen ändern daran nichts. Sie sind feste Rahmenbedingungen der Entwicklung und müssen von Anfang an berücksichtigt werden. Agilität steht dazu nicht im Widerspruch, sondern hilft dabei, diese Anforderungen effizienter in den Entwicklungsprozess zu integrieren.

Was unterscheidet Agilität in der Hardwareentwicklung eigentlich von der Agilität, die viele aus der Softwarewelt kennen?

Der größte Unterschied ist, dass die Hardwareentwicklung deutlich längere physische Entwicklungszyklen hat. Von diesen darf man sich aber nicht ausbremsen lassen. Entscheidend ist, in allen Planungshorizonten möglichst früh Zwischenstufen-Tests und Feedbackschleifen einzubauen. Digitale Zwillinge, Software-in-the-Loop oder Hardware-in-the-Loop helfen dabei, Rückmeldungen und Risiken sichtbar zu machen, bevor sie im physischen Produkt auftreten. Zunehmend kommen dabei auch KI-gestützte Analysen zum Einsatz. Diese können große Mengen von Test- und Sensordaten auszuwerten, Auffälligkeiten früher zu erkennen und helfen so, fundiertere Entwicklungsentscheidungen zu treffen. 

Gleichzeitig müssen Mechanik, Elektronik und Embedded Software enger zusammenarbeiten als in vielen klassischen Organisationen. Deshalb geht es nicht darum, eine Methode aus der Softwareentwicklung einfach zu kopieren, sondern agile Prinzipien so an die Entwicklungsrealität anzupassen, dass sie für physische Produkte funktionieren.

Mit welchen Fragen oder Sorgen kommen Unternehmen typischerweise zu Ihnen?

Unternehmen kommen mit ähnlichen Herausforderungen auf uns zu. Die Entwicklungszyklen sind lang, der Wettbewerbsdruck steigt und die Qualitätssicherung führt häufig zu späten Erkenntnissen und aufwendigen Nacharbeiten. Besonders langwierige Änderungsprozesse und die Abstimmung zwischen unterschiedlichen Fachbereichen werden oft als Bremsfaktoren wahrgenommen. 

Gleichzeitig herrscht die Sorge, dass eine agile Transformation zunächst Produktivität kostet. Hinzu kommt, dass die Zusammenarbeit zwischen Mechanik, Elektronik und Embedded Software häufig bereits heute herausfordernd ist. Viele Unternehmen fragen sich, wie bestehende Silos aufgebrochen werden können, ohne weitere Reibungsverluste zu erzeugen. 

Außerdem wird oft ein Verlust von Struktur und Kontrolle befürchtet oder versucht, Methoden aus der Softwareentwicklung 1:1 unverändert zu übernehmen. Erfolgreich wird eine Transformation aber dann, wenn sie mit Augenmaß an die jeweilige Entwicklungsumgebung angepasst wird.

Welche Fehler beobachten Sie am häufigsten, wenn Unternehmen agile Methoden in die Hardwareentwicklung einführen wollen?

Der häufigste Fehler ist, dass agile Methoden lediglich über bestehende Prozesse gelegt werden. Teams führen zusätzliche Meetings ein und sprechen plötzlich von Sprints oder Reviews, arbeiten inhaltlich aber genauso weiter wie zuvor. Die bisherigen Abstimmungs- und Freigaberunden bleiben bestehen, sodass häufig mehr Reibung entsteht als vorher. 

Ein weiteres Problem ist, dass bestehende Silos zwischen Mechanik, Elektronik und Embedded Software unangetastet bleiben. Die Fachbereiche optimieren weiterhin lokal, anstatt gemeinsam auf den Systemerfolg hinzuarbeiten. Erfolgreiche Produktentwicklung erfordert jedoch gemeinsame Planungshorizonte und eine enge Abstimmung über Disziplingrenzen hinweg. Die Fachbereiche sollten nicht nur parallel arbeiten, sondern gemeinsam planen, priorisieren und Entscheidungen treffen. Bleiben die Silos bestehen, wird häufig weiterhin lokal optimiert, anstatt den Gesamterfolg des Systems in den Mittelpunkt zu stellen. 

Außerdem wird häufig unterschätzt, wie viel Veränderungsbegleitung notwendig ist. Führungskräfte müssen verstehen, wie sich ihre Rolle verändert, und Mitarbeitende benötigen Zeit, um neue Arbeitsweisen auszuprobieren und Sicherheit darin aufzubauen. Es reicht leider nicht, ein Training durchzuführen. Die eigentliche Arbeit beginnt erst danach, wenn die neuen Arbeitsweisen im Alltag verankert werden sollen.

Wie sieht ein erfolgreicher Ansatz stattdessen aus?

Ein erfolgreicher Ansatz beginnt damit, agile Prinzipien an die konkrete Entwicklungsrealität anzupassen.  

Wichtig ist außerdem, möglichst früh Feedbackschleifen einzubauen und digitale Möglichkeiten wie Digitale Zwillinge oder Hardware-in-the-Loop zu nutzen. Dadurch werden Risiken früher sichtbar und notwendige Anpassungen können deutlich früher vorgenommen werden. Daneben lohnt es sich, den Einsatz von Künstlicher Intelligenz früh mitzudenken. KI kann Entwicklungsorganisationen beispielsweise bei Dokumentation, Analyseaufgaben oder der Auswertung großer Datenmengen unterstützen und so Freiräume für Innovation und technische Entscheidungen schaffen. 

Gleichzeitig müssen feste Rahmenbedingungen wie Qualitäts- und Compliance-Anforderungen von Anfang an berücksichtigt werden. Agilität bedeutet nicht, diese Vorgaben zu umgehen, sondern sie wirksam in die Entwicklung zu integrieren. 

Ebenso wichtig ist die kulturelle Seite. Teams müssen lernen, früh Erfahrungen zu sammeln, schnell zu lernen und Fehler als Erkenntnisquelle zu nutzen. Nicht das Vermeiden von Fehlern führt zum Erfolg, sondern das frühe Erkennen und Beheben von Problemen.

Wie unterstützt die Consileon Unternehmen konkret bei diesem Schritt?

Wir unterstützen Unternehmen von der ersten Standortbestimmung bis zur nachhaltigen Verankerung neuer Arbeitsweisen. Häufig starten wir mit einem Executive Workshop, um gemeinsam die Ausgangssituation zu analysieren und die relevanten Handlungsfelder zu identifizieren. 

Anschließend begleiten wir die Einführung und Weiterentwicklung agiler Arbeitsweisen, unterstützen beim Aufbau von Agile Release Trains und passen die Frameworks an die konkrete Entwicklungsumgebung des Unternehmens an. 

Unsere Zertifizierungstrainings, beispielsweise SAFe® for Hardware, bieten wir bewusst in kleinen Gruppen an, um ausreichend Raum für die individuellen Herausforderungen der Teilnehmer zu schaffen. Ergänzt wird dies durch Coaching, Sparring und die Begleitung von Führungskräften und Teams bei der praktischen Umsetzung.

Endet die Unterstützung mit dem Training, oder geht sie darüber hinaus?

Das Training ist meist der Einstieg, aber bei weitem nicht das Ende. Die eigentliche Veränderung beginnt erst nach dem Training, wenn neue Arbeitsweisen im Projektalltag angewendet, angepasst und kontinuierlich verbessert werden. Deshalb begleiten wir Unternehmen häufig bei der praktischen Umsetzung, beim Aufbau und der Skalierung von Agile Release Trains sowie durch Coaching und Sparring für Teams und Führungskräfte. 

Darüber hinaus unterstützen wir Unternehmen dabei, Künstliche Intelligenz sinnvoll in ihre Entwicklungsorganisation zu integrieren. Nachdem viele Unternehmen erste Anwendungsfälle erfolgreich umgesetzt haben, steht heute zunehmend die Frage im Mittelpunkt, wie KI dauerhaft in Prozesse, Zusammenarbeit und Entscheidungsabläufe eingebunden werden kann. Weiterhin übernehmen wir bei Bedarf auch punktuell einzelne Rollen, bis das Unternehmen diese selbstständig ausfüllen kann. 

Welchen Rat geben Sie Entwicklungsleitern, die jetzt mit der Umstellung beginnen möchten?

Mein wichtigster Rat ist, nicht mit dem Framework zu starten, sondern mit der eigenen Entwicklungsrealität. Bevor man über Rollen, Meetings oder Planungsrhythmen spricht, sollte man verstehen, wo die größten Reibungsverluste entstehen. Sind es lange Freigabeprozesse, späte Testerkenntnisse, fehlende Abstimmung zwischen Fachbereichen oder aufwendige Änderungsprozesse? Außerdem würde ich empfehlen, nicht die gesamte Organisation auf einmal umzustellen. 

Entscheidend ist, mit Augenmaß vorzugehen und den Ansatz passend zur jeweiligen Entwicklungsumgebung auszuwählen. Erfolgreiche Veränderungen beginnen meist in einem überschaubaren Bereich, in dem Erfahrungen gesammelt und neue Arbeitsweisen erprobt werden können. Und schließlich sollte man akzeptieren, dass Lernen und somit Fehler machen zum Veränderungsprozess gehört. Frühe Tests und häufige Feedbackschleifen machen Probleme sichtbarer. Das kann am Anfang ungewohnt sein. Langfristig ist genau das aber der Schlüssel, um schneller zu lernen, Risiken früher zu erkennen und die Entwicklungsleistung nachhaltig zu verbessern.

Consileon begleitet Automobilhersteller, Zulieferer sowie Maschinen- und Anlagenbauer dabei, agile Prinzipien wirksam auf die physische Produktentwicklung zu übertragen. Das Leistungsportfolio reicht von der zertifizierten Qualifizierung im SAFe® for Hardware Training über die Synchronisierung von Hardware- und Softwareentwicklung bis zur KI-gestützten Entlastung von administrativen Aufgaben in der Entwicklungsorganisation. Ergänzt wird dieses Angebot durch strategische Beratung, agiles Coaching und die Besetzung agiler Rollen für Automotive und Industrie.